Auszug aus Endlosschleife Als ich gerade hinübergehen wollte, fiel mir die junge Blondine von vorhin wieder auf. Sie stand diesmal direkt neben mir und lächelte mich an. Ihr Lächeln fror meine Bewegungen ein, so dass ich mit dem rechten Bein auf der Straße und mit dem linken noch auf dem Bürgersteig verweilte/stand, und ich lächelte zurück. Sie passte sich meiner wahrscheinlich etwas seltsam wirkenden Postion an, in dem sie ihr rechtes Bein ebenfalls auf Straße stellte und mich fragte, ob wir es wagen sollten, über die rote Ampel zu gehen. „Wir wagen es.“ , antwortete ich und löste mich aus meiner Nagetierstarre. |
| Erzählungen vom toten Kitz |
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| Freitag, den 04. März 2011 um 17:25 Uhr |
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Das morgendliche Dämmerrot schien durch die geöffneten Vorhänge und vermittelte den Eindruck, dass die kleine, schick eingerichtete Dachwohnung in Flammen stünde. Zwar war es noch nicht all zu spät, doch man spürte, dass die langen, hellen Tage des Sommers vorüber waren und das gerade Erlebte in Erinnerungen überging. Michael wachte als Erstes auf und stellte vorsichtig den Wecker, der in fünf Minuten den Schlaf beider abrupt beendet hätte, aus und drehte sich zu seiner Tanja. Mit einem sanften Kuss auf ihre Wange holte er sie zurück in die Realität. Als sie ihn verschlafen und verwirrt ansah, sprach er zu ihr: „Guten Morgen Sonnenschein. In zwölf Stunden treffen wir uns mit den beiden. Es gibt noch viel zu tun und noch mehr zu besprechen.“ „Sag bloß, nur deswegen weckst du mich an einem Samstagmorgen um sechs Uhr früh? Wir sind das doch schon einhundert Mal durchgegangen!“, entgegnete sie genervt. „Aber es muss doch heute Abend perfekt sein.“, entgegnete Michael. In dem er aufstand und im Bad verschwand, beendete er die Diskussion, noch ehe sie etwas erwidern konnte. Sie hasste dieses Kräftemessen zwischen ihnen und ihren Freunden Melanie und Robert. Alles fing vor sechs Jahren an. Michael und sie kamen gerade von ihrer Wandertour durch den Schwarzwald wieder. Sie waren von der abenteuerlichen Erfahrung, mit Rucksäcken durch die deutsche Wildnis zu wandern, überwältigt. Ihr Enthusiasmus überragte sogar den Feldberg, sodass sie zu einem dieser Pärchen wurden, das wochenlang nur noch von sich und ihren Urlaub erzählen konnte. Genau in dieser Zeit fiel das jährliche Essen zwischen ihnen und ihren ehemaligen Schulfreunden. „Heute muss man das Wort Leider dem vorangegangen Satz nachträglich anhängen.“, dachte Tanja und wurde bei der Erinnerung daran, wie alles begann, wütend und traurig. Natürlich erzählten sie ihren alten Freunden viel, vielleicht sogar zu viel und zu detailliert von ihrer kleinen Reise. Doch sicher nicht um anzugeben, sondern um die Spannung und Freude abzubauen und mit Menschen zu teilen, die ihnen wichtig sind. Ein Jahr später erzählten Melanie und Robert von ihrer Alpentour, die, das sei nebenbei erwähnt, fünf Tage länger war als ihre damalige Schwarzwaldtour. Tanja freute sich für ihre Freunde und lauschte gespannt, und auch etwas neidisch, den freudigen Erzählungen. Die Geschichten des Paares erinnerten sie an ihre eigene Reise im vergangenen Jahr und schufen viele „Weißt du noch Momente“. Doch Michael sah in dem Alpentrip nur eine Revanche für den Schwarzwaldurlaub. So begann er sich sein eigenes Bild zu machen. Robert und Melanie würden Wandern doch hassen und seien auch ganz sicher keine naturverbundenen Menschen. Außerdem arbeite sie als Kindergärtnerin und er als Kfz-Mechaniker. Das alles musste, dass war für ihn so sicher wie das Glaubensbekenntnis im Gottesdienst, eine Racheaktion gewesen sein. Natürlich versuchte sie ihn zu überzeugen, dass Robert und seine Frau die Schwarzwaldtour sicher nicht mit ihrer Alpentour überbieten wollten. Doch nach einem halben Jahr immer wiederkehrender Diskussionen und aufhetzenden Reden, fing sie an, ihm Glauben zu schenken. Also stimmt sie dem Österreichurlaub zu, obwohl sie keine große Lust hatte, soweit zu fahren. Auf die Frage, warum es nicht die Ostsee sein könnte, antwortete Michael, dass es südlicher und weiter sein müsse als die bayrischen Alpen. Wirklich verstanden hatte sie seine Logik nicht. Sie schob sein Verhalten auf seinen fehlenden Chromosomarm und beschloss zu schweigen. Also fuhren sie nach Wien und hatten dort schöne Momente. Und im Nachhinein wurde diese Reise zu einem Teil ihrer Erinnerung, den sie nicht mehr vermissen wollen würde. Für sie hatten die gemeinsamen Reisen anfangs noch ihr Gutes. In dem Jahr freuten sie sich ganz besonders auf das Essen mit ihren lieben Freunden. Doch sie staunten nicht schlecht, als diese Fotos von ihrem Schweizurlaub mit ins Restaurant brachten. Michael war außer sich und natürlich musste es im nächsten Jahr Spanien sein. „Wieso gleich Spanien?“, machte sie ihren obligatorischen Versuch und sprach als Stimme der Vernunft. „Weil die beiden sicher nach Italien fahren werden!“, entgegnete er wütend. Das taten sie dann auch und Michael strahlte an dem Abend des jährlichen Zusammentreffens ihrer Meinung nach mehr, als am Tag Hochzeit. Das nächste Ziel stand natürlich auch sofort fest. Sie wusste es sogar noch, bevor die Worte von Michaels Lippen das P von Portugal formten. Viel blieb ihm ja auch nicht mehr in der Richtung übrig. Es kam, wie es kommen musste. Letztes Jahr hatten beide Pärchen das gleiche Ziel! Und anstatt zusammen zu fahren, wurde genau erfragt wer wo und wie lange die schönste Zeit des Jahres verbracht hatte. Es schien lächerlich, um nicht zusagen kindisch, zu sein. Doch Tanja erklärte sich das Verhalten ihres Gatten als männlichen Zwang. Geht man mit offenen Augen durch die Welt, springt einem dieses Phänomen quasi ins Gesicht. Kinder, die ihr Spielzeug vergleichen; Halbstarke, die ihre Muskeln und die Länge gewisser Körperteile vergleichen. Anschließend wird die Menge der weiblichen Eroberungen auf den Prüfstand gestellt. Dann folgen Statussymbole wie Autos und Häuser und so weiter. Auf anderer Ebene geht es mit atomaren Wettrüsten und Kriege führen weiter. Es hört ja nicht auf. Sie kannte sogar Väter, die ihre Kinderwagen aufrüsten und sie mit denen ihrer Freunde vergleichen. Sie war nun fünf Jahre geduldig geblieben. Vor allem aus Liebe zu ihm, hatte sie so einige schöne Sachen im Schaufenster stehen lassen. Doch als er ihr das neue Reiseziel mitteilte, riss ihr der letzte seidene Faden ihres Nervenkostüms. „Panama?!“, schrie sie ihn an. „Panama City soll sehr kontrastreich sein. Die historische Altstadt liegt direkt neben dem Bezirk, in dem ein Wolkenkratzer neben dem anderen steht…“, versuchte er ihr die Reise schmackhaft zu machen. „Ich geh packen...“, antworte sie ihm und ging nach oben. „Schatz, wir haben doch noch nicht einmal gebucht!“, rief er ihr etwas verwirrt und verunsichert hinterher. Nachdem er jedoch ihre Absicht zur Trennung verstanden hatte, lenkte er ein und versprach ihr, keine weitere verrückte Urlaube zu planen. „Dann sollten wir einfach das Treffen mit unseren so genannten Freunden lassen.“, brachte er eines Morgens zur Diskussion. „Das sind unsere letzten Freunde aus der Schulzeit, die sich noch mit uns treffen wollen. Du weißt genau, dass uns die Meisten eh wegen deinem ständigen Drang immer alles zu vergleichen nicht mehr treffen wollen. Und die, die es wollen, findest du arrogant, weil sie ein paar Euro mehr verdienen! Wegen deinem ständigen Machokram möchte ich nicht auch noch diese Verbindung aufgeben müssen!“, dies schien ihr letztes Wort zu sein. Still nickend schien Michael den Gedanken verworfen zu haben. Er schaute nachdenklich in seine Tasse Kaffee. „Da gäbe es auch noch eine andere Möglichkeit...“, begann er. „Mein Vater war damals Jäger. Ich sah ihn, ich glaube ich war vier Jahre, mit einem toten Rehkitz im Garten und fragte ihn, den Tränen nah, was er da mache. Er erzählte mir, dass das Reh seine Eltern verloren habe und sich hier nur ausruhen würde. Er würde es nun in den Wald zurück fahren und mit seinen Freunden und Hunden die Eltern suchen gehen. Immer, wenn er nun auf die Jagd ging, drückte ich dem kleinen Kitz die Daumen, dass es doch bald seine Eltern wieder fände. Später, als ich älter war, musste ich über diese kindliche Naivität und Unschuld sogar lächeln. Immer, wenn jemand bei uns in der Familie log, hieß es: Er erzählt uns etwas vom toten Kitz.“ „Also sollen wir lügen?“, antwortete Tanja. „Manchmal ist eine Lüge der richtige Weg“, antwortete Michael und die Idee des vorgetäuschten Mittelamerikaurlaubs war geboren. Lange Gespräche und viele Nerven später wachte sie also an diesem morgen auf und musste ihren Samstag Vormittag, Mittag und Nachmittag opfern, nur um Freunden am Abend einen nicht stattgefundenen Urlaub vorzuspielen. Michael kam geduscht aus dem Bad und stellte ihr eine Frage nach der anderen. „Wie teuer war der Flug?“, fing er sein Verhör an. „Er kostete 950 Euro. Lufthanse von Hamburg.“ „Was haben wir am ersten Tag abends gegessen?“ „Sancocho Ceviche. Das ist ein Eintopf aus Huhn und Gemüse in Limonensaft mit Chilischoten, Zwiebeln und Koriander. Dazu gibt es marinierte Shrimps oder Fischstücke.“ „Wie hieß das schweizer Pärchen, das wir in der Hotelbar kennen gelernt haben?“ „Wulf.“ „Wie viele Sterne hatte unser Hotel?“ „4.“ „Wie hieß unser Stadtführer?“ „Enrique.“ Es kamen noch genau 32 weitere Fragen, die er sehr gewissenhaft von seinem Block ablas. Er kennzeichnete die Fragen, bei denen Tanja noch zu lange nachdachte. Falsch hatte sie zwar keine beantwortet, schließlich ging es schon seit Wochen so, doch sollten die Antworten wie aus der Armbrust geschossen sich in das Herz der beiden Freunde einbetten und sie mit Neid infizieren. Schließlich am Abend trafen sich die Kontrahenten vor dem Restaurant und der erste Blick fiel auf die Hautfarbe der Schneiders. „Die Sommerbräune könnte auch von der deutschen Sonne stammen!“, ging es Michael bei dem Anblick von Melanie Hautteint durch den Kopf. „Und wo wart ihr dieses Jahr im Urlaub?“, fragte Michael und konnte die Gegenfrage kaum abwarten. „Wir waren dieses Jahr nicht im Urlaub!“; antwortete Melanie. Erstaunt und verwirrt starrten Tanja und Michael sich an. „Also ging ihnen wohl doch das Geld aus.“, dachte Michael und konnte sich ein hämisches Lächeln nicht verkneifen. „Ihr müsst wissen, irgendwann kommt man an einen Punkt im Leben, an dem man sich die Frage stellt: Sind wir soweit?“, begann Robert zu erzählen. „Nachdem wir nun Jahre lang schöne Urlaube hatten und nun nicht mehr das Gefühl haben, etwas verpassen zu würden, haben wir uns entschlossen, eine Familie zu gründen.“ „Ich bin im dritten Monat schwanger!“, platzte es Melanie heraus. Es folgte ein quasi Monolog Melanies, über das Gefühl, Leben zu schenken und endlich eine richtige Frau zu sein. Michael beobachtete, wie die Gesichtsfarbe seiner Herzensdame bei jedem Wort der angehenden Mutter immer dunkler wurde. „Entschuldigt uns bitte.“, sprach Tanja, ging mit Michael in Richtung Waschraum und blieb mit ihm bei der Garderobe stehen. „Ich halte diese Lobreden auf ihren fruchtbaren weiblichen Körper keinen Gang mehr aus.“, keuchte Tanja leise. Michael nahm sie in den Arm. „Ich hoffe, dir ist klar, dass du nun die Antwort hast. Sie haben uns nicht provozieren wollen mit ihren Urlauben, sondern nur die letzten Jahre ohne Kind richtig nutzen wollen. Und wir haben sie mit unseren dummen, kleinen Wettkampf auch noch dazu ermutigt! Bestimmt bemitleiden sie uns. Reden hinter unserem Rücken über meine Eierstöcke und stellen Theorien auf, warum wir noch nicht schwanger sind!“,schluchzte sie. „Schatz, du steigerst dich gerade etwas hinein. Lass uns doch einfach in Ruhe zu Ende essen. Du hattest Recht. Ich hätte mich nicht herausgefordert fühlen sollen.“, versuchte er seine Frau zu beruhigen. Nachdem das Dessert bereits bestellt war, kam die Frage, auf die Michael anfangs so sehnsüchtig, wie ein vierjähriger auf Weihnachten gewartet hatte, und die er jetzt genauso wenig hören wollte, wie ein überzeugter Junggeselle die Worte Ich liebe Dich am nächsten Morgen. „Wo ward ihr denn dieses Jahr im Urlaub?“, fragte Melanie in einem Ton, der an Desinteresse nur von einer leichten Spur an Arroganz überboten wurde. „Gar nicht!“, schrie Tanja beinahe in die kurze Stille hinein, ehe Michael das P von Panama mit seinen Lippen formen konnte. „Ihr müsst wissen...“, begann Tanja vom toten Kitz zu erzählen „Wir erwarten nämlich Zwillinge ...“ |




