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Verlust

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Meine Augen gewöhnten sich langsam an die herrschende Dunkelheit und ich erkannte die ersten Konturen meines Schlafraumes. Langsam und vorsichtig drehte ich mich nach rechts und warf einen Blick auf meine Wanduhr, deren Ticken durch die kleine Zwei-Zimmerwohnung hallte. Im Augenwinkel nahm ich den Gedichtband, welcher durch die Dämmerung von einem goldenem Licht beschienen wurde, wahr. Automatisiert liefen die Bilder, wie ich vor 35 Jahren den Lindenbaum an der B 256 mit meiner Axt zerschlug, vor meinem geistigen Auge ab. Trauer und Wut kamen in mir hoch und ich beschloss aufzustehen.

Unter der Dusche fiel mir mein Traum wieder ein. Natürlich handelte er von ihr. Wir gingen glücklich, verliebt und jung Hand in Hand durch die Straßen und sprachen über die Farbe unseres ersten gemeinsamen Wohnzimmers, über die Arbeit und über eigentlich unwichtige alltägliche Dinge. Ich wünschte ich könnte heute noch mit ihr über solche Nichtigkeiten sprechen. Die guten Träume sind die schlimmsten, dachte ich, während ich mich einschäumte.

Bei dem Gedanken an ihr Lächeln, dass sie mir, kurz bevor meine Rückenschmerzen den mentalen Ausflug in die Vergangenheit beendeten, zuwarf, schmerzte mir meine Brust. Routiniert zog ich den Duschvorhang zur Seite, stieg aus der Wanne, schaute in den Spiegel und begutachtete das, was die Zeit aus mir gemacht hatte. Meine Wangenknochen formten ein kantiges Gesicht, das früher einmal als charismatisch beschrieben wurde. Mit der Zeit waren meine Grübchen und Fältchen zu Kratern geworden und ließen große Hautlappen rechts und links herunter hängen. Bei dem Anblick fielen mir die Worte von Goethe ein, die er in einen seiner Briefe über das Altern formulierte: „Im hohen Alter, wo uns die Jahre nach und nach wieder entziehen was sie uns früher so freundlich und reichlich gebracht haben, halte ich für die erste Pflicht gegen uns selbst und gegen die Welt, genau zu bemerken und zu schätzen, was uns noch übrig bleibt.“

Was blieb mir übrig? Gesundheit wohl eher nicht. Die Liste meiner Beschwerden war länger als der Wunschzettel von einem Vierjährigen zu Weihnachten.

An dem Tag, als ich Maria einen Antrag machen wollte, starb sie bei einem Autounfall. Der Wintertag war besonders kalt gewesen und nie hätte ich gedacht, dass Kälte unser Glück schlagartig beenden könnte. Sie hatte keine Chance gehabt. Sie war mit ihrem Wagen von der glatten Fahrbahn abgekommen und gegen einen Baum gefahren. Ihr geliebtes Auto, dass sie so zuverlässig von einem Ort zum Nächsten gebracht hatte, wurde zu ihrem zerdrückten Sarg. Mit ihr starb der einzige Mensch, mit dem ich mein Leben verbringen wollte. Es gelang mir nie wieder Gefühle für eine andere Frau zu entwickeln.

Meine Brustschmerzen wurden schlimmer und nachdem ich Wasser für den Tee aufgesetzt hatte, rief ich meinen jüngeren Bruder Erik an.

„Hallo Werner.“, begrüßte er mich sofort, ohne überhaupt meine Stimme gehört zu haben. Ein Blick auf die Uhr reichte ihm wohl, um zu wissen, dass ich es war.

„Hallo Erik. Entschuldige bitte die frühe Störung.“, fing ich an und lauschte mit einem Ohr freudig dem wilden Treiben seiner beiden Enkeln.

Anna und Michael waren jetzt vier und sechs Jahre alt und der ganze Stolz der Familie. Auf der einen Seite tat es gut zu sehen, wie glücklich mein kleiner Bruder war, doch es schmerzte auch, da ich dieses Glück nie erfahren hatte und diese Geräuschkulisse im Hintergrund das hallende Ticken meiner Wanduhr nur lauter wirken lies.

„Werner, ich will nicht unhöflich klingen, doch uns tanzen die Kleinen gerade auf der Nase herum. Weswegen rufst du denn an?“, fragte mich mein kleiner Bruder in einem Ton, der gleichzeitig mitleidig und doch genervt klang. Also schilderte ich ihm meine Brust- und Rückenschmerzen, ohne meinen Traum zu erwähnen.

„Meiner Meinung nach sind das einfache Altersbeschwerden. Wir sind beide nicht mehr die Jüngsten. Nimm doch einfach ein entspannendes warmes Bad. Du wirst sehen, danach fühlst du dich wie neu geboren.“, riet mir Erik.

Obwohl ich gerade geduscht hatte, war die Vorstellung eines warmen, gemütlichen Bades verlockend.

Nachdem ich das Telefonat beendet hatte, frühstückte ich und ging anschließend ins Schlafzimmer. Dort nahm ich die Spieluhr von ihr aus meinem Nachtisch. Etwas später erwartete mich eine einladende Umgebung. Die Vorhänge waren zugezogen und die Kerzen hüllten mein sonst so kaltes Badezimmer in ein warmes Licht. Als mein Körper bis zum Hals vom Schaum bedeckt war, zog ich die Spieluhr von Maria auf und schloss die Augen. Der Melodie lauschend, nahm ich meine Brustschmerzen, die bis zu diesem Zeitpunkt immer intensiver wurden, kam noch wahr und tauchte in eine tiefe Entspannung ein. Als ich schließlich wieder die Augen öffnete, waren die Schmerzen weg und in Gedanken dankte ich Erik für seinen Rat. Während mich das hineinfallende Sonnenlicht zum blinzeln zwang, schaute ich mich um. Die Kerzen waren, wie die Spieluhr auch, verschwunden und anstelle der dunklen Vorhänge hing eine helle Gardine.

Verängstigt und verwirrt stützte ich mich am Rand der Badewanne auf und erschrak. Meine Arme waren nicht mehr faltig, weiß und dürr, sondern straff, gebräunt und kräftig. War dies möglich? Ich stieg aus der Wanne und begutachtete mich erneut im Spiegel. Ein gut aussehender junger Mann starrte mir ungläubig entgegen.

Langsam kam meine Erinnerung wieder. Heute Abend hatte ich eine Verabredung mit Maria und nahm deswegen ein Bad. Also nahm ich ein Handtuch, band es mir um die Hüfte und ging zum Waschbecken, um mich zu rasieren.

Das merkwürdige Gefühl, dass ich in der Wanne noch empfunden hatte, klang ab wie ein Echo im tiefen Wald, bis es schließlich nur noch zu einem flüsternden Gedanken im Hinterkopf wurde. Er war zwar noch da, doch so leise, dass man ihn bei klarem Verstand nicht zu vernehmen mag.

Die weichen Borsten meines Rasierpinsels verteilten die Creme gründlich in meinem Gesicht und während ich gegen den Strich die Klinge zog, dachte ich an Maria und an den heutigen Abend. Wir waren nun zwei Jahre zusammen und mir war in der letzten Zeit klar geworden, dass ich endlich bereit war, den nächsten Schritt zu gehen.

Damals hatte ich neben dem Studium auf dem großen Hof der Familie Döring gearbeitet. Während der Erntezeit war die Arbeit auf dem Hof förmlich explodiert und es waren zahlreiche Helfer gesucht worden. Auf einem schlammigen Kartoffelfeld hatte ich Maria kennengelernt und sie noch am selben Tag, in meinen ältesten und dreckigsten Klamotten, auf eine Tasse Kaffee eingeladen. Auch heute noch scherzten wir darüber, dass unsere Beziehung auf einem Acker ihren Anfang genommen hatte. Und heute Abend, wenn die Nacht das trübe Grau des Winters gedeckt hat, wird dort, auf demselben Acker, und mit etwas Glück, unter einem sternenklaren Himmel unsere Ehe den Anfang nehmen.

Bei dem Gedanken musste ich lachen und schnitt mir mit meiner Klinge in die Lippe.

„Sofern das alles ist, was heute schief geht, wird es immer noch die schönste Nacht meines Lebens“, ging es mir durch den Kopf und ich drückte ein Stück Toilettenpapier auf den kleinen Kratzer in meiner Oberlippe. Mein bester Anzug schien mir für diesen Anlass angemessen. Pünktlich, nervös und erwartungsvoll klingelte ich an ihrer Tür. Eine gefühlte Ewigkeit später öffnete sie mir und mir blieb, wie jedes Mal wenn ich sie sah, der Atem weg. Sie trug einen schwarzen knielangen Rock und eine weiße Bluse. Sie griff beim Rausgehen noch an die Garderobe und nahm ihren braunen, elegant geschnittenen Wintermantel vom Haken und zog ihn sich über.

„Hallo Werner“, sprach sie und als sie mir einen Kuss gab, atmete ich ihren Duft ein. So gierig, wie ein halb Erstickender seine Lunge mit Sauerstoff füllte, füllte ich meine mit ihrem Geruch. Nie mehr könnte ich mir ein Leben ohne sie vorstellen.

„Wohin entführst du mich denn?“, fragte sie mich. Ich hatte ihr nichts erzählt und genoss es, sie ein wenig zappeln zu lassen.

„Du wirst es noch früh genug sehen.“, antwortete ich ihr und musste lächeln.

Wir gingen die Dorfstraße entlang, ließen den Hof der Familie Döring links hinter uns und bogen schließlich rechts in einen Feldweg ein. Ich reichte ihr meine Hand und gab ihr zu verstehen, dass ich nicht bloß vor dem Feld stehen blieben möchte.

Ungefähr auf der Mitte des Feldes machten wir halt und trotz schmutziger Winterstiefel schaute sie mich mit ihren hellblauen Augen, die vor Glück funkelten, an. Der Moment als ich den Ring aus meiner Jackettasche zog und sie schon nickte bevor ich meine Frage richtig beenden konnte, kam mir vor wie in einem Traum. Ein Kuss, der mir Brustschmerzen vor Glück bescherte, vollendete unsere Verlobung. Nachdem unsere Lippen sich trennten, nahm ich sie in den Arm und drückte sie fest an mich. Mit ihr Arm in Arm auf einem Acker, unter sternenklaren Himmel stehend, schloss ich die Augen und öffnete sie nie mehr.

Das letzte Luftbläschen, dass aus Werners Lunge kam, zersprang an der Wasseroberfläche, nachdem die Spieluhr schon längst verstummt war. So war in der kleinen Zwei-Zimmerwohnung, als Werner an einem Herzinfarkt in der Wanne mit einem Lächeln im Gesicht starb, nur das hallende Ticken der Wanduhr zu hören.


(c) 2010 by Andreas Wienpahl


 

Kommentare  

 
0 #2 Mikrofaser Handtuch 2017-09-06 00:44
Besten dank für Deine Sicht in das Thema und deine Expertise.


Bei so manchen Sachen ist es natürlich eine persönliche Ansichtssache
und da muss jeder für sich entscheiden was richtig ist. Ich
teile deinen Beitrag auf Facebook und Google, mal sehen wie meine Follower das sehen.
Zitieren | Dem Administrator melden
 
 
+1 #1 Tim 2011-02-05 20:12
Hallo Andreas,

habe grad deine erste Geschichte (3 Stunden) und deine letzte (Verlust) gelesen.

In beiden schwingt ein melancholischer Grundton deiner Protagonisten mit und beide enden mit einem Tod. ;-)

Die Ideen und die Umsetzung deiner Geschichten gefallen mir. :-)

Einige Kleinigkeiten sind mir aufgefallen.

In "3 Stunden" sind mir einige Passagen zu "stakkatoartig" geraten, dh. die Sätze sehr kurz, was einen atemlosen Eindruck erzeugt, der nicht immer der Handlung entspricht.

In "Verlust" stimmen meiner Meinung nach einige Bilder nicht, bzw. gibt es Adjektive, die gekillt werden könnten.

Wie gesagt, es sind Kleinigkeiten, die deine Geschichten noch prägnanter machen würden.

Leider stehen in der Kommentarfunkti on zu wenig Zeichen für einige Beispiele zur Verfügung.

Viel Spass auch weiterhin mti dem Schrieben und viele Grüße

Tim

www.schreibfreunde-forum.de
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